Innere Medizin

Sie sind Diabetiker. Eines Morgens entdecken Sie beim Anziehen der Socken eine kleine, gerötete Stelle am Fussballen. Sie tut nicht weh. Vielleicht war es der neue Schuh, vielleicht ein Steinchen, das Sie nicht gespürt haben. Sie kleben ein Pflaster drauf und vergessen die Sache. Zwei Wochen später ist aus der kleinen Stelle eine offene Wunde geworden, die nicht zugehen will. Genau hier beginnt das diabetische Fusssyndrom, und genau hier entscheidet sich, ob aus einer Druckstelle eine chronische Wunde wird oder eine Geschichte mit gutem Ausgang.

Elisabeth am Küchentisch mit mehreren Medikamentenschachteln und einem Wochendispenser, beim ordnen ihrer chronischen Diabetes-Medikation.

:::answer-block{eyebrow="Kurz erklärt"} Das diabetische Fusssyndrom (DFS) ist eine der häufigsten Spätfolgen des Diabetes mellitus. Die weltweite Lebenszeitprävalenz für ein Fussulcus liegt bei Menschen mit Diabetes zwischen 19 und 34 Prozent [Armstrong et al., NEJM 2017]. Drei Faktoren wirken zusammen: Polyneuropathie nimmt das Warnsignal Schmerz weg, die periphere arterielle Verschlusskrankheit drosselt die Durchblutung, und die geschwächte Immunabwehr öffnet die Tür für Infektionen. Die internationalen IWGDF-Leitlinien empfehlen deshalb eine strukturierte Versorgung mit fünf Säulen: Druckentlastung, Revaskularisation, Infektionskontrolle, Stoffwechseloptimierung und lokales Wundmanagement [Schaper et al., IWGDF 2023]. Bei rechtzeitiger Behandlung heilen zwei von drei diabetischen Fussulcera innerhalb von zwölf Wochen ab. Wird zu lange gewartet, steigt das Risiko für eine Major-Amputation auf bis zu 20 Prozent innerhalb von fünf Jahren nach Erstmanifestation. Die Wundversorgung bei DFS gehört deshalb in spezialisierte Hände, idealerweise vernetzt mit Hausarzt, Gefässmedizin und Diabetologie. :::

Warum diabetische Wunden anders heilen

Eine gesunde Haut heilt zuverlässig. Sie wird gut durchblutet, sie hat ein funktionierendes Immunsystem, und sie spürt Druck, bevor er zur Verletzung wird. Beim Diabetes fallen typischerweise alle drei Schutzmechanismen gleichzeitig aus.

Der chronisch erhöhte Blutzucker schädigt feine Strukturen im ganzen Körper. Die Nervenfasern in den Füssen verlieren mit der Zeit ihre Funktion (Polyneuropathie). Die kleinen und grossen Gefässe verengen sich (Angiopathie, häufig als periphere arterielle Verschlusskrankheit). Und die Funktion der Abwehrzellen lässt nach, weshalb selbst kleine Hautläsionen sich infizieren können. Diese Kombination ist der Grund, warum eine Druckstelle bei einem Menschen mit gut eingestelltem Diabetes nach wenigen Tagen verheilt, während dieselbe Druckstelle bei einem Menschen mit schlecht eingestelltem Diabetes und beginnender Neuropathie zur chronischen Wunde werden kann.

Polyneuropathie und Durchblutung: das stille Risiko

Die diabetische Polyneuropathie ist heimtückisch, weil sie schmerzlos verläuft. Sie merken nicht, dass der Schuh drückt. Sie merken nicht, dass Sie auf einen Stein getreten sind. Sie merken nicht, dass das Badewasser zu heiss ist. Etwa die Hälfte aller Menschen mit langjährigem Diabetes entwickelt eine messbare Neuropathie, und davon weiss ein erheblicher Anteil zunächst nichts davon [Schaper et al., IWGDF 2023].

Parallel dazu verändert sich die Durchblutung. Bei vielen Patienten mit DFS lässt sich eine relevante periphere arterielle Verschlusskrankheit nachweisen [Hinchliffe et al., IWGDF 2023]. Klassische Warnzeichen wie Wadenschmerz beim Gehen können fehlen, weil die Neuropathie den Schmerz ohnehin maskiert. Das macht die Erkennung der pAVK bei Diabetikern besonders anspruchsvoll und erklärt, warum die regelmässige Fussuntersuchung mit Tasten der Pulse, Ableiten des Knöchel-Arm-Index und Prüfen der Sensibilität bei jedem Diabetiker zur Routine gehören sollte. Eine Übersicht zur pAVK finden Sie im Artikel Schaufensterkrankheit beim Hausarzt.

Wundversorgung in Stufen: was modern wirklich heisst

Die internationalen IWGDF-Leitlinien beschreiben eine klare Stufenlogik [Schaper et al., IWGDF 2023]. Wir folgen ihr in der Praxis konsequent.

Wundtherapie bei Dein Team fürs Leben

Spezialisierte Versorgung diabetischer Fussulcera, chronischer Wunden und postoperativer Wundheilungsstörungen. Diagnostik, Debridement, moderne Wundauflagen und V.A.C.-Therapie unter einem Dach.

Mehr zur Wundtherapie
Erste Stufe: präzise Diagnostik. Dazu gehört die Wundklassifikation (Tiefe, Infektionszeichen, Ischämiezeichen), die Beurteilung der Durchblutung mit Doppler oder Duplexsonografie, die Sensibilitätsprüfung mit Stimmgabel und Monofilament sowie ein mikrobiologischer Abstrich bei Infektionsverdacht.

Zweite Stufe: Druckentlastung. Eine Wunde am Fuss, auf die weiter getreten wird, heilt nicht. Die Leitlinie nennt die nicht-abnehmbare knieabschliessende Orthese als Goldstandard bei plantaren neuropathischen Ulcera [Schaper et al., IWGDF 2023]. Pragmatisch arbeiten wir je nach Wunde mit Total Contact Cast, abnehmbaren Orthesen, Spezialschuhen oder orthopädischen Einlagen.

Dritte Stufe: Revaskularisation, wenn nötig. Wenn die Durchblutung kritisch reduziert ist, hilft kein noch so guter Verband. Hier arbeiten wir eng mit interventionellen Radiologen und Gefässchirurgen zusammen, damit Ballondilatation, Stent oder Bypass rechtzeitig erfolgen.

Vierte Stufe: Infektionsmanagement. Lokale Antiseptik plus, bei tiefer oder systemischer Infektion, gezielte Antibiotika nach Resistogramm. Bei Osteomyelitis-Verdacht erfolgt die Bildgebung.

Fünfte Stufe: stoffwechselseitige Optimierung. Ein HbA1c jenseits der Zielwerte verlangsamt jede Heilung. Hier verzahnen wir Wundsprechstunde und Diabetes-Betreuung eng, mehr dazu auf der Seite zur chronischen Diabetes-Versorgung.

V.A.C.-Therapie und Kerecis bei Dein Team

Für tiefere, exsudierende oder schlecht granulierende Wunden setzen wir moderne Verfahren ein. Die Vakuum-Wundtherapie (V.A.C., Negative Pressure Wound Therapy) erzeugt einen kontrollierten Unterdruck über der Wunde. Dadurch wird überschüssiges Exsudat entfernt, die Bildung von Granulationsgewebe angeregt, die lokale Durchblutung verbessert und das Infektionsrisiko gesenkt. Die V.A.C.-Therapie ist bei tiefen diabetischen Fussulcera eine etablierte Option und kann die Zeit bis zum Wundverschluss verkürzen [Schaper et al., IWGDF 2023].

Bei besonders therapierefraktären Wunden kommen biologische Wundauflagen ins Spiel. Kerecis ist eine aus nordatlantischem Dorschhautgewebe gewonnene Wundmatrix. Die intakte Omega-3-reiche Fischhaut wird auf das Wundbett aufgebracht und dient als Gerüst, in das körpereigene Zellen einwandern. Eingesetzt wird sie typischerweise dann, wenn klassische Verbände nach mehreren Wochen kein ausreichendes Granulationsgewebe gebildet haben. In der Praxis kombinieren wir diese Verfahren regelmässig mit Debridement und Druckentlastung. Welches Verfahren wann sinnvoll ist, entscheidet das Team im Einzelfall, immer leitliniengestützt und immer abhängig von Durchblutung, Infektionsstatus und Wundphase.

Wann zum Spezialisten und wann zum Hausarzt

Eine pragmatische Faustregel für den Alltag: jede neue Wunde am Fuss bei einem Menschen mit Diabetes ist ein Anlass, in der nächsten Woche aktiv zu werden, nicht in der nächsten Wochen-Routine. Zeigt die Wunde nach zwei Wochen unter laufender Versorgung keine sichtbare Verbesserung, gehört sie in spezialisierte Hände [Armstrong et al., NEJM 2017]. Bei Rötung mit Ausbreitung, Schwellung, Wärme, eitrigem Sekret oder Fieber melden Sie sich am gleichen Tag. Abwarten ist hier keine Option.

Konkret: Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle für die jährliche Fussuntersuchung, für die Sensibilitäts- und Pulsprüfung, für die Schulung zur täglichen Selbstinspektion und für die schnelle Erstbeurteilung jeder neuen Hautläsion. Sobald eine offene Wunde besteht, sobald eine Infektion droht oder sobald die Durchblutung kritisch ist, wird die Wundsprechstunde eingebunden. Das ist der Mechanismus, der die Vereinigung Hausarzt-Wundsprechstunde bei Dein Team fürs Leben so funktional macht. Sie verlieren keine Zeit zwischen den Disziplinen.

Termin in der Wundsprechstunde

Bei offener Wunde am Fuss reagieren wir innerhalb von 24 Stunden. Erstkontakt ohne Überweisung. Die Wundbeurteilung und Diagnostik laufen in derselben Konsultation. Wenn nötig, organisieren wir die gefässmedizinische Mitbeurteilung sofort.

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Wie oft sollte ich als Diabetiker meine Füsse selbst kontrollieren?

Täglich, idealerweise abends. Schauen Sie die Fusssohlen, die Zehenzwischenräume und die Fersen an. Wenn Sie nicht gut an die Fusssohle sehen, nehmen Sie einen Handspiegel. Achten Sie auf Rötungen, Schwellungen, Druckstellen, Hornhaut, kleine Risse oder Blasen. Eine veränderte Hautfarbe oder eine warme Stelle kann erstes Zeichen einer beginnenden Entzündung sein.

Ab wann gilt eine Fusswunde als chronisch?

Eine Wunde, die nach vier bis sechs Wochen unter korrekter Therapie nicht heilt, gilt als chronisch. Beim diabetischen Fusssyndrom sollten Sie allerdings deutlich früher reagieren. Wenn nach zwei Wochen keine sichtbare Besserung eingetreten ist, gehört die Wunde in spezialisierte Hände.

Bin ich nach einmal verheilter Wunde wieder sicher?

Leider nein. Die Rezidivrate ist hoch. Etwa 40 Prozent der Patienten entwickeln innerhalb eines Jahres nach Abheilung ein neues Ulcus, nach fünf Jahren sind es um die 65 Prozent [Armstrong et al., NEJM 2017]. Genau deshalb gehört die Nachsorge zur Therapie. Strukturierte Kontrollen, adäquates Schuhwerk und tägliche Inspektion senken das Risiko spürbar.

Was kann ich tun, um ein erstes Ulcus zu verhindern?

Drei Hebel sind belegt: gut eingestellter Blutzucker, passendes Schuhwerk ohne Druckstellen und regelmässige professionelle Fusspflege. Die IWGDF-Präventionsleitlinie empfiehlt zusätzlich jährliche Screening-Untersuchungen und, bei erhöhtem Risikoprofil, kürzere Intervalle [Bus et al., IWGDF 2023].

Übernimmt die Grundversicherung die spezialisierte Wundversorgung?

Ja, die spezialisierte Wundversorgung beim DFS gehört zum Leistungskatalog der Grundversicherung, sobald eine medizinische Indikation besteht. Materialien wie spezielle Wundauflagen und V.A.C.-Systeme sind bei korrekter Indikationsstellung gedeckt. Bei Fragen zur Abrechnung berät Sie die Praxis im Erstgespräch. :::

Autor: Prof. Dr. C.K. Fritz M.Sc., Physician Associate für Allgemeine Innere Medizin, Schmerzmedizin, Praxisleitung Dein Team fürs Leben