Innere Medizin
Burnout · erste Warnzeichen, die in der Hausarztpraxis ankommen · Was eine internistische Abklärung leistet, bevor Sie beim Psychiater landen
Wer mit 50 plötzlich Magenbeschwerden bekommt, die kein Gastroskop erklärt, wer nachts mit Tinnitus aufwacht und morgens mit Kopfdruck startet, wer sich beim Vorstandsmeeting fragt, warum das Brustgefühl nicht weggeht, der landet selten direkt beim Psychiater. Er landet beim Hausarzt. Genau dort, wo die ersten somatischen Warnzeichen einer chronischen Überlastung erkannt oder übersehen werden. Dieser Text ist für Manager, Selbständige und CFOs, die das Muster bei sich oder bei einem Kollegen wiederfinden und wissen wollen, was eine internistische Sprechstunde am Anfang leisten kann.
Was eine internistische Burnout-Abklärung in der Sprechstunde leistet
Warum Burnout zuerst in den Magen, in den Kopf und in den Schlaf zieht
Burnout ist keine eigenständige Krankheit. Die WHO klassifiziert es in der ICD-11 als Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst (QD85), nicht als psychiatrische Diagnose im engeren Sinn [WHO ICD-11 QD85, 2019]. Die drei Dimensionen sind klar definiert: Erschöpfung, mentale Distanz zur Arbeit und reduzierte berufliche Leistungsfähigkeit. Was die offizielle Definition nicht erwähnt, was aber jeder Hausarzt kennt: bevor ein Patient die psychischen Dimensionen benennt, kommt er mit dem Körper. Er kommt mit dem Magen, mit dem Kopf, mit dem Schlaf, mit dem Tinnitus, mit dem Brustgefühl.
Das ist kein Zufall. Chronische Belastung verschiebt die vegetative Balance Richtung Sympathikus, die Schmerzschwelle sinkt, die viszerale Wahrnehmung wird empfindlicher, der Schlaf fragmentiert. Das wissenschaftliche Schrifttum zu Burnout ist mit über 15 000 Publikationen riesig und in Teilen widersprüchlich, der somatische Beschwerdedruck als Frühsignal jedoch ist konsistent beschrieben [Hillert et al., Frontiers in Psychiatry 2020]. In der Schweiz fühlten sich 2022 rund 30 Prozent der Erwerbstätigen emotional erschöpft, der Anteil mit kritischem Job-Stress-Index lag bei 28 Prozent [Gesundheitsförderung Schweiz, Job-Stress-Index 2022]. Die Praxisrealität deckt sich mit dieser Zahl. Drei von zehn Sprechstundenanmeldungen mit unspezifischen Beschwerden haben in unserem Alltag eine arbeitsbezogene Komponente.
Burnout ist als Syndrom konzeptualisiert, das aus chronischem Arbeitsstress resultiert, der nicht erfolgreich bewältigt wurde.
Die fünf somatischen Frühzeichen, die in der Sprechstunde immer wieder ankommen
- Chronischer Spannungskopfschmerz oder Druckkopfschmerz. Beidseitig, dumpf, oft am späten Vormittag einsetzend, am Wochenende anders. Wer dafür seit Monaten täglich Ibuprofen oder Paracetamol nimmt, bewegt sich auf einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz zu. Hier muss zwischen primärem Spannungskopfschmerz, Migräne und sekundären Ursachen unterschieden werden.
- Chronische, funktionelle Magenbeschwerden. Druck im Oberbauch, Übelkeit ohne Erbrechen, Reflux ohne Hiatushernie, Reizdarm-artige Beschwerden mit Wechsel zwischen Verstopfung und weichem Stuhl. Häufig schon endoskopisch unauffällig abgeklärt, was den Patienten oft frustriert. Die unauffällige Endoskopie schliesst nicht aus, dass der Magen-Darm-Trakt mitleidet, sie bestätigt nur, dass keine strukturelle Pathologie vorliegt.
- Schlafstörungen mit Einschlaflatenz und frühmorgendlichem Erwachen. Einschlafen nach Mitternacht, Aufwachen um 4 Uhr mit Gedankenkarussell, Wiedereinschlafen schwierig, am Morgen wie zerschlagen. Wenn Schnarchen, beobachtete Atempausen oder Tagesmüdigkeit dazukommen, gehört eine Schlafapnoe-Abklärung in die Diagnostik.
- Tinnitus oder Hyperakusis ohne otologisches Korrelat. Hochfrequentes Pfeifen, beidseitig, oft seit Wochen, manchmal nach einem akuten Stressereignis. Die HNO-Abklärung ist unauffällig, der Patient hört das Pfeifen weiterhin. Tinnitus als Stresssymptom ist eine Diagnose, die im hausärztlichen Alltag öfter gestellt werden müsste.
- Unspezifische Brustenge oder Herzklopfen. Druck in der Brust, der nicht belastungsabhängig ist, der in Ruhe kommt und beim Joggen verschwindet, Palpitationen ohne EKG-Pathologie. Das ist ein Beschwerdebild, das in die kardiologische Abklärung gehört (siehe Cross-Brand Link weiter unten), aber in der Mehrzahl der Fälle vegetativ-funktioneller Natur ist. Die Abgrenzung trifft die Sprechstunde, nicht der Patient.
Was diese fünf eint: jedes einzelne Symptom hat eine somatische Differentialdiagnose, die wir abklären müssen, bevor wir die psychosomatische Komponente bestätigen. Genau das ist die Aufgabe einer internistischen Sprechstunde.
Erschöpfung aus Belastung versus Burnout-Zustand
Eine wichtige Unterscheidung, die viele Patienten und auch viele Ärztinnen und Ärzte verwischen. Erschöpfung aus Belastung ist eine vorübergehende Reaktion auf eine konkrete Phase: Quartalsabschluss, Restrukturierung, eine Trennung, eine Pflegephase in der Familie. Sie hat einen Anfang, sie hat ein Ende, sie reagiert auf Erholung. Burnout-Zustand im Sinne der WHO-Definition ist die Form, die sich verfestigt hat: die Erschöpfung bleibt nach dem Wochenende, nach dem Urlaub, nach dem Quartalsende. Die mentale Distanz zur Arbeit wird zur dominierenden Haltung. Die Selbstwirksamkeit erodiert.
Die Diagnostik trennt beides klinisch über Dauer, Reagibilität und Ausprägung der drei ICD-11-Dimensionen [Maslach und Jackson, Journal of Occupational Behaviour 1981]. In der hausärztlichen Praxis ist die Abgrenzung wichtig, weil sie das therapeutische Vorgehen ändert. Erschöpfung aus Belastung lässt sich oft mit einer Standortbestimmung, Schlafhygiene, Bewegung, einem klaren Auszeit-Fenster und einer klugen Arbeitsumstrukturierung lösen. Burnout-Zustand braucht in der Regel mehr: psychotherapeutische Begleitung, manchmal teilstationäre Psychosomatik, manchmal eine zeitlich klar limitierte Krankschreibung mit Wiedereingliederungsplan.
Die Übergänge zur Depression sind fliessend. Etwa die Hälfte der Personen, die sich selbst als ausgebrannt erleben, erfüllen nicht die Kriterien einer klinischen Depression [Hillert et al., Frontiers in Psychiatry 2020]. Die andere Hälfte schon. Das ist kein Detail. Eine unerkannte Depression hinter einer Burnout-Selbstdiagnose verzögert die richtige Behandlung.
Was die internistische Abklärung deckt und was sie ausschliesst
- Schilddrüsenfunktion. TSH, bei Auffälligkeiten freies T4 und T3. Eine subklinische Hypothyreose imitiert ein Burnout-Bild zuverlässig, eine Hyperthyreose ebenso (mit anderem Akzent: Reizbarkeit, Schlafstörung, Herzklopfen).
- Eisenstatus. Ferritin als Speichereisen, Transferrin-Sättigung, Hämoglobin. Ein Ferritin unter 30 µg/L erklärt Müdigkeit auch ohne Anämie und ist bei Frauen häufig, bei Männern selten und immer abklärungsbedürftig (gastrointestinale Blutungsquelle).
- Vitaminstatus. B12 und Vitamin D. Ein B12-Mangel verläuft schleichend mit kognitiven Symptomen, ein schwerer Vitamin-D-Mangel begleitet diffuse muskuloskelettale Beschwerden.
- Blutzucker und Stoffwechsel. HbA1c, Nüchternglukose, Lipidprofil. Ein bislang unerkannter Prädiabetes oder eine Insulinresistenz erklärt Tagesmüdigkeit nach den Mahlzeiten.
- Entzündungsstatus. hsCRP, Differentialblutbild. Eine chronische Entzündung (autoimmune Erkrankung, chronischer Infekt) gehört in die Differentialdiagnose der Erschöpfung.
- Schlafqualität. Strukturierte Anamnese und tiefer Schwellenwert für eine ambulante Polygraphie. Eine unbehandelte obstruktive Schlafapnoe produziert exakt das Bild, das viele Patienten als Burnout interpretieren.
- Kardiale Basisdiagnostik. Ruhe-EKG, Blutdruck, bei Auffälligkeiten 24-Stunden-Blutdruck und Echokardiographie. Brustenge unter Belastung gehört in die kardiologische Abklärung, nicht in die Psychosomatik.
- Cortisol und endokrine Achsen. Auf Indikation, nicht routinemässig. Ein basales Cortisol am Morgen ist sinnvoll bei Verdacht auf eine Nebennierenerkrankung, aber nicht als Burnout-Marker (es gibt keinen validen Biomarker für Burnout).
Wenn die internistische Abklärung somatisch unauffällig bleibt und die ICD-11-Kriterien klinisch erfüllt sind, ist die psychosomatische Komponente bestätigt. Das ist keine Ausschlussdiagnose mit Achselzucken, sondern ein klinischer Befund mit therapeutischer Konsequenz.
Wann der Hausarzt das Geschehen begleiten kann und wann es zur Spezialistin gehört
- Hausärztliche Begleitung allein ausreichend. Erschöpfung mit klar identifizierbarem Auslöser, ICD-11-Dimensionen mässig ausgeprägt, keine Suizidgedanken, keine Alkohol- oder Substanzproblematik, kein Funktionsverlust im Alltag. Wir arbeiten mit Standortbestimmung, Schlafhygiene, Bewegungsverordnung, Arbeitsplatzberatung, eventuell kurzer Krankschreibung mit Wiedereingliederungsplan. Verlaufskontrolle nach vier bis sechs Wochen.
- Hausärztlich plus Psychotherapie. Anhaltende Symptomatik trotz erster Massnahmen, ausgeprägte mentale Distanz, Hinweise auf depressive Komponente. Wir führen die somatische Begleitung weiter und vernetzen mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten in der Nachbarschaft (Anbindung in Zürich in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen möglich, bei Erstgesprächen schneller).
- Direkte psychiatrische oder psychosomatische Spezialeinweisung. Suizidgedanken, ausgeprägte depressive Episode, psychotische Begleitsymptome, schwere Schlafstörung mit Funktionsverlust, Substanzproblematik, fehlende Stabilisierung trotz hausärztlicher und psychotherapeutischer Begleitung über sechs bis acht Wochen. Hier sprechen wir die Überweisung am gleichen Tag aus, im stationären Bedarf koordinieren wir die Klinikaufnahme direkt.
Eine vierte Konstellation gehört eigens erwähnt. Wenn Brustenge, anhaltende Belastungsdyspnoe, oder ein neu aufgetretener Bluthochdruck im Bild sind, dann läuft parallel eine kardiologische Abklärung. Stilles Herzrisiko hinter Burnout-Beschwerden ist kein theoretisches Konstrukt, es ist eine der Konstellationen, die wir im internistisch-kardiologischen Verbund Dein Team gemeinsam abklären (siehe Burnout und stilles Herzrisiko · DTH).
Was Sie zur ersten Sprechstunde mitbringen
Eine kurze Notiz reicht. Drei Sätze zur aktuellen beruflichen Belastung, drei Sätze zu den körperlichen Symptomen mit Beginn und Verlauf, eine Liste der Medikamente und Nahrungsergänzungen, frühere Befunde der letzten zwei Jahre wenn vorhanden. Wir nehmen uns 60 bis 90 Minuten Zeit. Es gibt keine Bewertung, es gibt eine Einordnung.
Wo Sie im Cluster weiterlesen können
- Chronische Müdigkeit · Eisen, Schilddrüse, Schlafapnoe für die rein somatische Differentialdiagnose der Erschöpfung.
- Schnarchen und Tagesmüdigkeit für den Schlafapnoe-Verdacht, der oft als Burnout fehlinterpretiert wird.
- Chronische Schmerzen · multimodale Therapie für die somatische Achse, wenn der Schmerz das Leitsymptom ist.
- Bluthochdruck selbst messen · Entscheidungsregel für den Hypertonie-Aspekt unter chronischer Belastung.
- Mein Mann ist Burnout · was tun wenn Sie als Partnerin oder Partner mitlesen und einen Weg suchen, das Gespräch zu öffnen.
Häufige Fragen
Ist Burnout in der Schweiz eine anerkannte Diagnose?
Wie unterscheidet die Hausärztin Burnout von einer Depression?
Welche Laborwerte sind bei Burnout-Verdacht sinnvoll?
Wie lange dauert eine Burnout-Krankschreibung typischerweise?
Was ist der Unterschied zwischen einer Erschöpfungsdepression und einem Burnout-Zustand?
Übernimmt die Krankenkasse eine Burnout-Abklärung in der Hausarztpraxis?
Ist die Schweiz besonders von Burnout betroffen?
Quellen
- WHO. Burn-out an occupational phenomenon: ICD-11 (QD85). 28 May 2019.
- Maslach C, Jackson SE. The measurement of experienced burnout. Journal of Occupational Behaviour 1981;2(2):99-113.
- Hillert A, Albrecht A, Voderholzer U. The Burnout Phenomenon: A Résumé After More Than 15,000 Scientific Publications. Frontiers in Psychiatry 2020;11:519237.
- Michalsen A, Hillert A. Burn-out in Anästhesie und Intensivmedizin. Teil 1. Anaesthesist 2011;60(1):23-30.
- Gesundheitsförderung Schweiz. Job-Stress-Index 2022.