Innere Medizin

Diabetes verstehen und meistern. Ein moderner Behandlungsansatz.

Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 2 trifft viele Menschen unerwartet. Vielleicht waren Sie bei einem Routinecheck, vielleicht hat ein erhöhter HbA1c den Anstoss gegeben. In diesem Moment stellen sich grosse Fragen. Was bedeutet das für Ihren Alltag? Brauchen Sie sofort Insulin? Wie verändert sich Ihr kardiovaskuläres Risiko? Die gute Nachricht: Die Diabetes-Therapie hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert. Heute steht eine Kombination aus Lebensstil und Medikamenten zur Verfügung, die den Blutzucker senkt und gleichzeitig Herz, Nieren und Lebenserwartung messbar schützt.

Thomas im roten Bademantel an der Espressomaschine am frühen Morgen, daneben eine Gesundheits-App mit Stoffwechselwerten in einer Sprechblase.

Was moderne Diabetes-Therapie heute leistet

Kurz erklärt
Diabetes mellitus Typ 2 ist eine Stoffwechselerkrankung mit Insulinresistenz und über die Zeit nachlassender Insulinproduktion. Die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie empfiehlt seit 2023 als initiale medikamentöse Therapie eine Kombination aus Metformin und einem SGLT-2-Hemmer oder einem GLP-1-Rezeptoragonisten [Lehmann R et al., Swiss Med Wkly 2023]. Diese Empfehlung stützt sich auf kardiovaskuläre Endpunktstudien. Empagliflozin reduziert in der EMPA-REG-OUTCOME-Studie die kardiovaskuläre Sterblichkeit um relativ 38 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um relativ 32 Prozent bei Hochrisiko-Patientinnen und -Patienten [Zinman B et al., NEJM 2015]. Liraglutid senkt in der LEADER-Studie das kombinierte Risiko aus kardiovaskulärem Tod, nicht-tödlichem Herzinfarkt und nicht-tödlichem Schlaganfall um relativ 13 Prozent [Marso SP et al., NEJM 2016]. Die ESC-Leitlinie 2023 zur kardiovaskulären Versorgung bei Diabetes integriert diese Erkenntnisse und stratifiziert Patientinnen und Patienten mit SCORE2-Diabetes nach Risiko [Marx N et al., Eur Heart J 2023]. Die Therapie ist ein Zusammenspiel aus Lebensstil, gezielter Medikation und kontinuierlicher Begleitung in der Hausarztpraxis. Insulin ist beim Typ 2 erst spät im Verlauf erforderlich.

Was Diabetes mellitus Typ 2 eigentlich ist

Der menschliche Stoffwechsel reguliert den Blutzucker über das Hormon Insulin. Insulin ermöglicht den Übertritt von Glukose aus dem Blut in die Körperzellen. Beim Diabetes mellitus Typ 1 zerstört eine Autoimmunreaktion die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse, weshalb von Beginn an eine Insulintherapie nötig ist. Diese Form tritt typischerweise im Kindes- oder Jugendalter auf.

Der Typ 2 verläuft anders. Am Anfang steht meist eine Insulinresistenz. Die Körperzellen reagieren weniger empfindlich auf Insulin, woraufhin die Bauchspeicheldrüse die Produktion hochfährt. Über Jahre erschöpft sich diese Kompensation, und es entsteht ein relativer Insulinmangel bei gleichzeitig bestehender Resistenz. Risikofaktoren sind genetische Veranlagung, Übergewicht, Bewegungsmangel und metabolisches Syndrom [Schweizerische Diabetesgesellschaft 2024].

Die exakte Differenzierung steht am Anfang jeder Behandlung. Eine fundierte Diagnostik klärt mit HbA1c, Nüchternblutzucker, oralem Glukosetoleranztest und in unklaren Fällen mit Antikörper-Bestimmungen, um welchen Typ es sich handelt. Das beeinflusst die gesamte weitere Therapie.

Die Bausteine der modernen Therapie

Die Schweizer Empfehlungen 2023 und die ESC-Leitlinie 2023 haben die Therapie des Typ 2 grundlegend neu sortiert. Statt einer reinen Blutzuckersenkung steht heute ein kardiometabolischer Ansatz im Vordergrund, der Herz, Nieren und Stoffwechsel gemeinsam betrachtet [Lehmann R et al., Swiss Med Wkly 2023; Marx N et al., Eur Heart J 2023].

  • Metformin bleibt der seit Jahrzehnten bewährte Basisbaustein. Es senkt die hepatische Glukoseproduktion, ist günstig und gut verträglich. UKPDS 33 zeigte erstmals langfristig, dass eine intensive Blutzuckerkontrolle mikrovaskuläre Komplikationen reduziert [UKPDS Group, Lancet 1998].
  • SGLT-2-Hemmer wie Empagliflozin und Dapagliflozin senken den Blutzucker über die Niere. Sie reduzieren zusätzlich kardiovaskuläre Ereignisse, Herzinsuffizienz-Hospitalisationen und Nierenfunktionsverschlechterung [Zinman B et al., NEJM 2015].
  • GLP-1-Rezeptoragonisten wie Liraglutid, Semaglutid und Dulaglutid wirken über mehrere Mechanismen: Insulinausschüttung nach den Mahlzeiten, Sättigungsgefühl und Gewichtsreduktion. Sie reduzieren ebenfalls kardiovaskuläre Endpunkte [Marso SP et al., NEJM 2016].
  • Insulin kommt erst zum Einsatz, wenn die Kombinationstherapie nicht ausreicht. Beim Typ 2 ist das typischerweise erst nach Jahren der Fall, häufig im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf.
  • Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) liefert ein lückenloses Profil der Tages- und Nachtwerte. Idealerweise eingesetzt bei Insulin-Therapie oder bei häufigen Hypoglykämien, gewinnt sie auch bei reiner Tablettentherapie an Bedeutung.
  • Lebensstil zählt als Teil der medizinischen Therapie, nicht als optionales Add-on. Ernährung, Bewegung und Gewichtsreduktion können in frühen Stadien den HbA1c so weit senken, dass weniger Medikation reicht. :::

    Die SGED empfiehlt seit 2023 explizit, bereits initial mit einer Doppelkombination zu starten: Metformin plus SGLT-2-Hemmer oder Metformin plus GLP-1-Rezeptoragonist [Lehmann R et al., Swiss Med Wkly 2023]. Reicht das nicht, kann eine Dreifachkombination aus Metformin, SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonist sinnvoll sein. Die Wahl orientiert sich an Begleiterkrankungen: bei manifester Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz haben SGLT-2-Hemmer Vorteile, bei Übergewicht und atherosklerotischer Erkrankung sind GLP-1-Rezeptoragonisten oft die erste Wahl.

    Diabetes Chronic Care Management

    In der Sprechstunde von Dein Team fürs Leben wird der individuelle Therapieplan gemeinsam mit Ihnen entwickelt. HbA1c-Verlauf, kardiovaskuläre Risikobeurteilung, Vorsorge von Augen, Nieren und Füssen sowie strukturierte Begleitung in der Hausarztpraxis bilden den Rahmen.

    Zur Sprechstunde
    ## Lebensstil als Teil der Therapie

    Wer mit der Diagnose Diabetes Typ 2 lebt, hat über den Lebensstil mehr Einfluss als bei den meisten anderen chronischen Erkrankungen. Eine moderate Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Prozent kann den HbA1c bereits substanziell senken. Regelmässige körperliche Aktivität verbessert die Insulinsensitivität direkt in den Muskelzellen. Eine mediterran-orientierte Ernährung mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch, Olivenöl und reduziertem Anteil an raffinierten Kohlenhydraten ist die in den Leitlinien am häufigsten genannte Kostform [Marx N et al., Eur Heart J 2023].

    Realistisch eingeordnet: Lebensstiländerungen ersetzen die medikamentöse Therapie typischerweise nicht. Sie machen sie aber wirksamer und reduzieren oft die nötige Dosis. In der Praxis bei Dein Team fürs Leben wird das gemeinsam mit Ihnen geplant. Konkrete Schritte, realistische Ziele und regelmässige Standortbestimmungen ersetzen pauschale Empfehlungen.

    Chronic Care Management in der Hausarztpraxis

    Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die kontinuierliche Begleitung erfordert. Der zentrale Ort dieser Begleitung ist in der Regel die Hausarztpraxis. Strukturiertes Chronic Care Management bedeutet konkret:

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  • HbA1c alle drei bis sechs Monate zur Verlaufskontrolle.
  • Jährliche Vorsorge der Endorgane: Augen (Funduskopie), Nieren (Albuminurie, eGFR), Füsse (Sensibilität, Durchblutung), Herz-Kreislauf-System.
  • Blutdruck- und Lipidmanagement als integraler Bestandteil. Bei Diabetes verstärkt jeder zusätzliche Risikofaktor die kardiovaskuläre Belastung [Marx N et al., Eur Heart J 2023].
  • Medikamenten-Review in regelmässigen Abständen. Welche Substanz hilft noch, welche kann reduziert werden, welche Wechselwirkungen sind im Alter relevant.
  • Schulung und Patient:innen-Edukation zu Hypoglykämie-Anzeichen, korrekter Selbstmessung, Medikation auf Auslandsaufenthalten und Krankheitsmanagement.
  • Interdisziplinäre Vernetzung mit Diabetesberatung, Ernährungsberatung, Kardiologie und Endokrinologie, wenn der Fall es erfordert. :::

    In der Sprechstunde von Dein Team fürs Leben ist dieses Chronic Care Management strukturiert organisiert, in enger Abstimmung zwischen Prof. Dr. C.K. Fritz und Prof. Dr. Steffen Gloekler vom Dein Team Herzzentrum.

    Wann eine spezialisierte Mitbeurteilung sinnvoll ist

    Der Hausarzt deckt den Grossteil der Diabetes-Therapie ab. In bestimmten Konstellationen ist die zusätzliche Beurteilung durch eine Diabetologin oder einen Diabetologen sinnvoll: bei unklarer Differenzierung Typ 1 versus Typ 2, bei sehr jungem Erkrankungsalter, bei Schwangerschaftsdiabetes mit besonderen Anforderungen, bei komplexen Insulinregimen oder bei Hypoglykämie-Häufung trotz Anpassung.

    Bei kardialer Begleitsymptomatik (Brustdruck, Atemnot, neu aufgetretene Erschöpfung) gehört die kardiologische Standortbestimmung dazu. Die ESC-Leitlinie 2023 empfiehlt bei Diabetes eine systematische kardiovaskuläre Risikobeurteilung mit SCORE2-Diabetes als Grundlage für die Intensität der Therapie [Marx N et al., Eur Heart J 2023]. Die Brücke zum Dein Team Herzzentrum ist hier kurz: gemeinsame Befundbesprechung, geteilter Therapieplan, eine schriftliche Rückmeldung an die hausärztliche Praxis am Tag der Untersuchung.

    Sprechstunde bei Dein Team fürs Leben

    Erstkontakt ohne Überweisung. HbA1c, Stoffwechsel-Labor, kardiovaskuläre Standortbestimmung und Therapieplan in einer Sitzung. Bei akuten Beschwerden (starke Schwäche mit Übelkeit, Bewusstseinstrübung, Atemnot, Brustdruck) wählen Sie 144.

    Termin in der Sprechstunde buchen
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    Brauche ich nach der Diagnose Diabetes Typ 2 sofort Insulin?

    In den allermeisten Fällen nein. Die SGED-Empfehlungen 2023 sehen eine Insulintherapie erst dann vor, wenn die Kombination aus Lebensstil, Metformin, SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonist den Zielbereich nicht erreicht. Das ist beim Typ 2 typischerweise erst nach mehreren Jahren der Fall.

    Was unterscheidet SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten?

    SGLT-2-Hemmer wirken über die Niere (Glukoseausscheidung im Urin), GLP-1-Rezeptoragonisten über das Inkretin-System (Insulinausschüttung nach den Mahlzeiten, Sättigung, Gewichtsreduktion). Beide reduzieren kardiovaskuläre Ereignisse, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. SGLT-2-Hemmer haben besondere Vorteile bei Herzinsuffizienz und Niereninsuffizienz, GLP-1-Rezeptoragonisten bei Übergewicht und atherosklerotischer Erkrankung.

    Wie oft sollte der HbA1c kontrolliert werden?

    In der Regel alle drei bis sechs Monate, abhängig von Stoffwechselstabilität und Therapieanpassungen. Bei stabil eingestellten Patientinnen und Patienten kann ein halbjährliches Intervall ausreichen, bei Therapieumstellung sind engere Kontrollen sinnvoll.

    Kann ich Diabetes Typ 2 wieder loswerden?

    Eine vollständige Heilung ist beim Typ 2 in der Regel nicht möglich, eine Remission aber durchaus erreichbar. Substanzielle Gewichtsreduktion (häufig zehn Prozent oder mehr) kann den HbA1c so weit senken, dass keine Medikation mehr nötig ist. Die zugrunde liegende Veranlagung bleibt, weshalb auch in Remission die jährliche Kontrolle wichtig ist.

    Kostenübernahme: Was bezahlt die Grundversicherung?

    Die Diabetes-Grundversorgung, der HbA1c, die jährliche Vorsorge der Endorgane und die SGED-leitliniengerechte Medikation werden über die obligatorische Grundversicherung abgerechnet. Die Reception der Praxis übernimmt die Abrechnung über TARDOC und die internationale Direktverrechnung, wenn das relevant ist.

Autor: Prof. Dr. C.K. Fritz M.Sc., Physician Associate für Allgemeine Innere Medizin, Schmerzmedizin, Praxisleitung Dein Team fürs Leben.