Innere Medizin
Neue Wege bei ME/CFS. Was hinter dem chronischen Fatigue-Syndrom steckt.
Wenn Sie seit Monaten erschöpft sind und Ihnen bisher niemand eine plausible Erklärung geben konnte, sind Sie damit nicht allein. Das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) gehört zu den komplexesten und am meisten unterschätzten Krankheitsbildern der modernen Medizin. Schätzungen zufolge sind weltweit Millionen Menschen betroffen [Lim EJ et al., J Transl Med 2020], oft ausgelöst durch eine virale Infektion wie SARS-CoV-2 (Post-COVID) oder das Epstein-Barr-Virus (EBV). Dennoch bleibt die Erkrankung für viele Betroffene ein langer, von Missverständnissen geprägter Weg.
Als internistisch ausgerichtete Praxis betrachten wir ME/CFS als das, was es wissenschaftlich ist: eine schwere, organische Multisystemerkrankung mit nachweisbaren immunologischen, autonomen und zellulären Dysfunktionen [Institute of Medicine 2015; Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021]. Ein rein subjektives Erschöpfungsgefühl ist es nicht.
Die wissenschaftlichen Fakten: Was im Körper bei ME/CFS passiert
Die Erforschung der pathophysiologischen Grundlagen von ME/CFS hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Heute wissen wir, dass der Erkrankung ein Zusammenspiel verschiedener biologischer Systeme zugrunde liegt.
Mitochondriale Dysfunktion und gestörter Energiestoffwechsel. Das klinische Leitsymptom von ME/CFS ist die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM), eine oft dramatische Verschlechterung des Allgemeinzustands nach minimaler körperlicher oder geistiger Anstrengung [Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021]. Es gibt Hinweise, dass bei Betroffenen die Gewinnung und Nutzung des zellulären Energieträgers Adenosintriphosphat (ATP) beeinträchtigt ist. Bei wiederholter Belastung an zwei aufeinanderfolgenden Tagen sinkt die Leistung an der anaeroben Schwelle deutlich, und Laktat beziehungsweise Übersäuerung in Blut und Muskulatur werden schlechter abgebaut, was die langanhaltenden Erschöpfungszustände nach Anstrengung erklären könnte. Ein klassischer, linearer Belastungsaufbau (Graded Exercise Therapy), wie er früher als Standard empfohlen wurde, kann den Zustand verschlechtern und wird bei ME/CFS deshalb nicht mehr empfohlen [Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021; NICE NG206 2021].
Zelluläre und humorale Immundysbalance. Aus immunologischer Sicht sehen wir in unserer Praxis bei vielen Patientinnen und Patienten Laborzeichen einer chronischen, niedriggradigen Entzündung (Low-Grade-Inflammation). In spezialisierten Laboranalysen (funktionelle Zytotoxizitäts-Assays) lässt sich häufig eine erniedrigte Aktivität der Natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) nachweisen, ohne dass dieser Befund allein diagnostisch wäre [Institute of Medicine 2015]. Diese zelluläre Dysbalance könnte die Fähigkeit des Körpers beeinträchtigen, virale Erreger ausreichend zu klären. Zudem sehen wir in unserer Praxis oft selektive Immunglobulin-Subklassenmängel (wie IgG1- oder IgG4-Defizite), die mit einer ausgeprägten Infektanfälligkeit einhergehen.
Dysregulation des vegetativen Nervensystems. Viele Betroffene leiden unter orthostatischer Intoleranz, also Symptomen wie Schwindel, Herzrasen oder Benommenheit beim längeren Stehen oder Sitzen. Dies ist häufig Ausdruck einer autonomen Dysregulation, etwa im Sinne eines Posturalen Orthostatischen Tachykardiesyndroms (POTS) [Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021].
Metabolische Defizite als Verstärker. Chronische Entzündungsprozesse erhöhen den Bedarf an bestimmten Mikronährstoffen. Aus unserer klinischen Erfahrung wirken ein latenter Eisenmangel sowie Defizite bei Co-Faktoren der Zellteilung und des Nervenstoffwechsels (wie Vitamin B12, Folsäure, Selen und Vitamin D3) oft als zusätzliche Trigger, welche die mitochondriale Dysfunktion und neurologische Missempfindungen (wie Kribbelparästhesien) weiter verstärken können.
Auch bei Long-COVID-Patientinnen und -Patienten finden sich immunologische und mitochondriale Veränderungen, die denen bei ME/CFS ähneln [Peppercorn K et al., Sci Rep 2023].
Lebensqualität im Fokus: ME/CFS betrifft das gesamte System
Eine internationale Befragung von über 1400 Betroffenen und ihren Angehörigen zeigt eine stark eingeschränkte gesundheitsbezogene Lebensqualität, am stärksten bei Alltagsaktivitäten, Schmerz und Mobilität, am wenigsten in der Dimension Angst und Depression [Vyas J et al., BMJ Open 2022]. Da die Bewältigung des Alltags immense Kraft erfordert, ist auch das familiäre und partnerschaftliche Umfeld stark mitbetroffen.
Umso wichtiger ist eine präzise Diagnostik, die den Patienten in seiner Gesamtheit erfasst und strukturelle, metabolische sowie immunologische Faktoren sauber voneinander abgrenzt.
Unser multidisziplinärer Ansatz und unser Facharzt-Netzwerk
Da ME/CFS als Systemerkrankung an den Schnittstellen verschiedener medizinischer Disziplinen liegt, greift eine isolierte Betrachtung einzelner Symptome zu kurz. Die Diagnosekriterien selbst haben sich über Jahrzehnte mehrfach weiterentwickelt, unter anderem, um die Erkrankung klarer von rein psychiatrischen Differenzialdiagnosen abzugrenzen [Lim EJ & Son CG, J Transl Med 2020]. Unser multidisziplinärer Ansatz erlaubt es uns, die pathophysiologischen Brücken zwischen Ihren chronischen Schmerzen, den immunologischen Besonderheiten, orthopädischen Wechselwirkungen und der vegetativen Stressachse zu schlagen.
Um diese komplexe Herausforderung auf hohem medizinischem Niveau zu lösen, arbeiten wir Hand in Hand mit einem etablierten, spezialisierten Netzwerk an Fachärzten, darunter Kardiologen, Gastroenterologen, Radiologen, Orthopäden und Neurologen. Diese enge interdisziplinäre Kooperation ermöglicht uns eine breit abgestützte, differenzierte Diagnostik (beispielsweise zum Ausschluss von kardiogenen Kreislaufstörungen, zervikalen Instabilitäten oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen) sowie eine patientenorientierte, individuell abgestimmte Betreuung.
Unser koordiniertes Betreuungskonzept
In unserer Praxis «Dein Team fürs Leben» betrachten wir den menschlichen Körper als vernetztes Gesamtsystem. Unser koordiniertes Behandlungskonzept umfasst:
- Spezialisierte Immundiagnostik und Stoffwechselanalysen: Breite Laboruntersuchungen (u.a. zellulärer Immunstatus, Mikronährstoffprofile und kardiometabolische Marker) zur Identifikation individueller Defizite.
- Gezielte Substitution nachgewiesener Mängel: Bei laborchemisch belegtem Defizit (z.B. Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Vitamin D) massgeschneiderte, kontrollierte orale oder, bei Resorptionsstörung, parenterale Substitution unter Verlaufskontrolle.
- Unterstützung beim Energiemanagement (Pacing): Anleitung zu einem individuellen, regenerativen Aktivitätsmanagement, um schwere Rückschläge («Crashes») zu vermeiden und die Belastungsgrenze im aeroben Bereich stabil zu halten.
- Interdisziplinäre Schmerz- und Regulationstherapie: Enge Zusammenarbeit bei der Behandlung myofaszialer Schmerzgeneratoren, orthopädischer Begleitsymptome und vegetativer Dysregulationen.
Wenn Sie unter anhaltender, schwerer Erschöpfung, kognitiven Einschränkungen («Brain Fog») oder ausgeprägten Beschwerden nach Belastung leiden, stehen wir Ihnen mit unserer gebündelten Expertise zur Seite. Wir nehmen uns die Zeit, die für die Entwirrung dieses komplexen Krankheitsbildes notwendig ist, und schaffen gemeinsam mit unseren Netzwerkpartnern ein solides diagnostisches Fundament für Stabilisierung und schrittweise Verbesserung.
Häufige Fragen zu ME/CFS
Ist ME/CFS eine psychische Erkrankung? Nein. ME/CFS ist eine organische Multisystemerkrankung mit nachweisbaren immunologischen, autonomen und zellulären Dysfunktionen [Institute of Medicine 2015]. Das schliesst nicht aus, dass sich bei manchen Betroffenen zusätzlich eine reaktive Angst oder depressive Verstimmung entwickelt, etwa durch die Belastung der Erkrankung selbst. Eine solche Komorbidität wird bei Bedarf mitbehandelt, sie ist aber nicht die Ursache von ME/CFS.
Was ist Post-Exertional Malaise? Eine ausgeprägte Verschlechterung des Zustands nach minimaler körperlicher oder geistiger Anstrengung, das Leitsymptom von ME/CFS [Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021].
Warum wird von Sport oder linearem Belastungsaufbau abgeraten? Weil Betroffene bei wiederholter Belastung messbar früher die anaerobe Schwelle erreichen [Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021]. Ein linearer Belastungsaufbau kann den Zustand verschlechtern und wird nicht mehr empfohlen [NICE NG206 2021]; Pacing schützt vor Rückschlägen.
Kann eine Virusinfektion ME/CFS auslösen? Ja, häufige Auslöser sind unter anderem SARS-CoV-2 und das Epstein-Barr-Virus [Bateman L et al., Mayo Clin Proc 2021].
Wie läuft die Abklärung bei Dein Team fürs Leben ab? Über ein Netzwerk aus Kardiologie, Gastroenterologie, Radiologie, Orthopädie und Neurologie, ergänzt durch spezialisierte Immun- und Stoffwechseldiagnostik in unserer Praxis. Im Anschluss besprechen wir mit Ihnen ein individuelles Pacing- und Behandlungskonzept.
Verfasst und medizinisch geprüft von Prof. Dr. Craig K. Fritz M.Sc., Titularprofessor, Physician Associate, Praxisleitung Dein Team fürs Leben.
Quellen
- Bateman L, Bested AC, Bonilla HF, et al. Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Essentials of Diagnosis and Management. Mayo Clinic Proceedings. 2021;96(11):2861-2878.
- Vyas J, Muirhead N, Singh R, Ephgrave R, Finlay AY. Impact of myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS) on the quality of life of people with ME/CFS and their partners and family members: an online cross-sectional survey. BMJ Open. 2022;12(5):e058128.
- Lim EJ, Son CG. Review of case definitions for myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS). Journal of Translational Medicine. 2020;18(1):289.
- Lim EJ, Ahn YC, Jang ES, Lee SW, Lee SH, Son CG. Systematic review and meta-analysis of the prevalence of chronic fatigue syndrome/myalgic encephalomyelitis (CFS/ME). Journal of Translational Medicine. 2020;18(1):100.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management. NICE guideline NG206. London: NICE; 2021.
- Institute of Medicine (IOM). Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. Washington, DC: The National Academies Press; 2015.
- Peppercorn K, Edgar CD, Kleffmann T, Tate WP. A pilot study on the immune cell proteome of long COVID patients shows changes to physiological pathways similar to those in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome. Scientific Reports. 2023;13:22068.