Innere Medizin
Mein Mann hat Burnout. Was tun? Eine Anleitung für die Partnerin · mit Hausarzt-Termin als nächstem Schritt.
Sie beobachten seit Wochen, dass etwas nicht stimmt. Er kommt spät heim, isst kaum, schläft schlecht, schaut abends ins Leere. Er sagt "alles okay" und meint es vielleicht sogar so, weil ihm der Vergleich zu früher fehlt. Sie haben den Vergleich. Dieser Text beschreibt die Warnzeichen, die Überlastung von Burnout unterscheiden, erklärt was ein Hausarzt-Termin tatsächlich tut, und gibt Ihnen Sätze für das Gespräch zu Hause. Sie übernehmen keine Therapie. Sie eröffnen die Tür zu der Behandlung, die ihm zusteht.
Was Sie jetzt wissen müssen
Überlastung oder Burnout · die klinische Unterscheidung
Die häufigste Frage Ihrerseits in der Sprechstunde: ist das jetzt Stress, oder etwas anderes? Die Antwort kommt aus einem Mustervergleich. Überlastung ist akut und reversibel · zwei intensive Wochen, ein Wochenende ohne Termine, danach ist er wieder ansprechbar. Burnout ist chronisch, kumulativ und überdauert die Pause. Die ICD-11-Definition ist explizit: drei Dimensionen, alle drei müssen über längere Zeit anhalten, alle drei müssen sich auf die Arbeitssphäre beziehen [WHO, ICD-11 QD85, 2019].
Praktisch heisst das: Wenn er nach einer geschützten Woche innerlich nicht zurückkommt, wenn er Dinge mit der Energie eines Pflichttermins erledigt, die ihn früher bereitet haben, wenn er morgens nach sieben Stunden Schlaf erschöpft aufwacht · das sind Hinweise. Einzelne können auch Schilddrüsenunterfunktion, unbehandelte Schlafapnoe, Eisenmangel oder eine beginnende depressive Episode bedeuten. Genau deshalb gehört der erste Termin zum Hausarzt, nicht zum Burnout-Coach. Wissenschaftliche Reviews betonen, dass Burnout-Symptome unspezifisch sind und stets gegen psychiatrische und somatische Differenzialdiagnosen abgegrenzt werden müssen [Hillert A et al., Frontiers in Psychiatry 2020].
Die Warnzeichen, die Sie als Partnerin am ehesten sehen
Sie sehen Dinge, die er selbst nicht sieht, weil Sie den Vergleich haben. Die folgenden Beobachtungen entsprechen den drei klinisch validierten Burnout-Dimensionen nach Maslach · Erschöpfung, mentale Distanzierung und reduzierte Wirksamkeit · ergänzt um häufig begleitende somatische und Verhaltens-Phänomene aus der hausärztlichen Praxis [Maslach C et al., Annual Review of Psychology 2001].
- Er kann nicht mehr abschalten. Auch im Urlaub schlägt das Telefon, im Kopf laufen Tabellen weiter. Eine geschützte Woche bringt ihn körperlich nicht zur Ruhe.
- Schlaf ist nicht mehr erholsam. Frühes Aufwachen zwischen drei und fünf Uhr, gedanklich sofort im Job. Oder sieben Stunden Schlaf und am Morgen Erschöpfung.
- Somatische Beschwerden ohne klare Ursache. Magen-Darm, Spannungskopfschmerzen, Schwindel, Herzrasen, neu aufgetretener Bluthochdruck. Die Untersuchung findet wenig Strukturelles. Das schliesst Burnout nicht aus. Es kann sein Leitsymptom sein [Stansfeld S, Candy B, SJWEH 2006].
- Zynismus oder mentale Distanzierung. "Ist mir egal", "soll der nächste machen", "die anderen sind eh alle Idioten". Das ist in der ICD-11 die zweite Burnout-Dimension.
- Reduzierte Wirksamkeit, die er zuerst spürt. Er sagt "ich kriege nichts mehr auf die Reihe", obwohl objektiv noch viel funktioniert. Das ist die dritte ICD-11-Dimension.
- Sozialer Rückzug und Anhedonie. Treffen werden abgesagt, Hobbys ruhen, Wein schmeckt nicht mehr, Sex wird seltener. Über Wochen gehört das auf den Anamnesebogen.
- Substanzgebrauch zur Selbstregulation. Mehr Alkohol abends, Schlafmittel ohne Verschreibung. Das ist ein Symptom.
Wenn drei oder mehr dieser Punkte seit mehr als sechs Wochen anhalten, ist das die klinische Schwelle für einen Termin · nicht "wenn er bereit ist". Bereit wird er häufig erst, wenn der Körper das Gespräch übernimmt: Hörsturz, Tinnitus, Magenblutung, hypertensive Entgleisung. Chronische arbeitsbezogene Belastung ist mit erhöhten Risiken für genau diese somatischen Endpunkte assoziiert [Stansfeld S, Candy B, SJWEH 2006]. Davor steht die Standortbestimmung.
Was ein Hausarzt-Termin tatsächlich tut
Ein erster Hausarzt-Termin bei Verdacht auf Burnout ist kein offenes "wir reden mal". Es ist ein strukturierter klinischer Prozess. Drei Dinge passieren parallel.
Erstens: somatische Differenzialdiagnose. Erschöpfung und reduzierte Leistungsfähigkeit haben eine internistische Liste, die vor jeder psychischen Diagnose abgearbeitet werden muss · Schilddrüsenfunktion, Eisenstatus inklusive Ferritin, kleines Blutbild, HbA1c, Vitamin D, Leber- und Nierenwerte, ein Ruhe-EKG, Blutdruckmessung gegebenenfalls über 24 Stunden, eine Schlafanamnese mit niedriger Schwelle für eine ambulante Polygraphie. Schlafapnoe, Hypothyreose und Eisenmangel können ein Burnout-Bild bis zur Verwechslung imitieren.
Zweitens: psychometrische Standortbestimmung. Der Maslach Burnout Inventory ist seit über drei Jahrzehnten international am häufigsten validiert [Schaufeli WB et al., Career Development International 2009]. Wir kombinieren ihn mit einem Depressions-Screening wie dem PHQ-9. Burnout und Depression überlappen sich klinisch, aber die Behandlung unterscheidet sich. Eine finnische Längsschnittstudie zeigte, dass Personen mit klinisch relevantem Burnout über vier Jahre ein deutlich erhöhtes Risiko trugen, Kriterien einer depressiven Episode zu entwickeln [Ahola K et al., Burnout Research 2014].
Drittens: gemeinsame Entscheidung über den weiteren Weg. Bei isoliertem Burnout im Frühstadium ohne Depression genügt häufig hausärztliche Begleitung mit befristeter Arbeitsentlastung und ambulanter Psychotherapie. Bei mittelschwerer oder schwerer Depression führt der Weg zur Psychiatrie. Bei hoher Krankheitslast ist eine psychosomatische Tagesklinik oder stationäre Reha indiziert [SAMW Positionspapier 2019; Obsan Bericht 2020].
:::pull-quote{author="Prof. Dr. C.K. Fritz" cite="DTL Sprechstunde"} Die schwierigste Diagnose im Burnout-Spektrum ist nicht die Erschöpfung. Es ist die Frage, ob darunter eine Depression liegt, die anders behandelt werden muss. Diese Differenzierung ist die Aufgabe der ersten zwei Termine. :::
Wie Sie das Thema zu Hause ansprechen
Burnout-Gespräche scheitern oft am Einstieg. "Du hast Burnout" ist eine Diagnose, die ihm nicht zusteht und ihn zur Verteidigung zwingt. "Du musst zum Arzt" ist ein Befehl · und Autonomie ist das Letzte, was ein erschöpfter Mensch noch hat. Was trägt: eine Beobachtung, die Sie benennen, ohne zu interpretieren · plus ein niedrigschwelliger Vorschlag.
Drei Eröffnungen, die in der Praxis tragen:
- "Mir ist aufgefallen, dass Du seit ein paar Wochen anders schläfst. Ich mache mir Sorgen, und ich möchte, dass das jemand anschaut." Das benennt Ihre Beobachtung, nicht seine Diagnose. Es macht Sie sichtbar als die, die sich sorgt, und nicht als die, die etiquettiert.
- "Können wir zusammen einen Termin beim Hausarzt vereinbaren? Ich komme mit, wenn Du willst, oder ich warte draussen. Du entscheidest." Sie bieten Begleitung als Option, nicht als Bedingung. Das senkt die Hürde, ohne ihm Autonomie zu nehmen.
- "Ich habe Angst, dass wir das ignorieren, bis Dein Körper es uns sagt. Lass uns vorher hingehen." Das ist ehrlich, ohne dramatisch zu werden. Es benennt die Sorge, nicht den Vorwurf.
Vermeiden Sie Schuldzuweisungen ("Du gehst zu spät heim"), Vergleiche mit früher ("Du warst doch mal so lustig") und Drohungen. All das verlagert die Konversation von seiner Gesundheit zur Beziehung · darum geht es nicht, und das kann er gerade nicht tragen.
Lehnt er ab, lassen Sie das Thema fallen für jetzt. Bringen Sie es in zehn Tagen wieder, wenn ein neues Symptom dazu kommt. Burnout entwickelt sich über Monate, Sie haben Zeit. Was Sie nicht haben, ist die Geduld für ein Jahr.
Was Ihre Rolle ist · und was nicht Ihre Rolle ist
Eine Partnerin, die einen Burnout-Patienten zur Therapie macht, schadet ihm und sich selbst. Sie sind seine Vertraute, nicht seine Therapeutin. Soziale Unterstützung wirkt empirisch als Schutzfaktor in der Stress- und Burnout-Forschung · solange die Partnerschaft Partnerschaft bleibt und nicht zu einer therapeutischen Asymmetrie wird [Stansfeld S, Candy B, SJWEH 2006].
- Ihre Rolle: Beobachten und benennen. Sie sagen, was Sie sehen, ohne Diagnose. "Du isst seit zwei Wochen kaum" ist eine Beobachtung.
- Nicht Ihre Rolle: Therapieren. Wenn er erzählt, hören Sie zu. Keine Strategien, keine Übungen, keine Reframings · das ist der Job einer Psychotherapeutin.
- Ihre Rolle: Den Termin organisieren, wenn er es delegiert. Anrufen, Termin buchen, Begleitung anbieten. Logistik tragen ist entlastend.
- Nicht Ihre Rolle: Den Termin durchsetzen. Vorbereiten ja, erzwingen nein. Sagt er den ersten ab, vereinbaren Sie keinen zweiten ohne ihn.
- Ihre Rolle: Eigene Energiequellen aktiv halten. Freundinnen, Sport, Schlaf, eigene Therapie wenn nötig. Wer die Stützpfeiler nicht trägt, wird selbst Patient:in.
- Nicht Ihre Rolle: Seine Belastung eins zu eins kompensieren. Mehr Hausarbeit, mehr Care, mehr Kinder-Logistik. Sprechen Sie es an, ehe es kippt.
- Ihre Rolle: Die Krise erkennen. Suizidgedanken, akute Verzweiflung, plötzliche Verschlechterung sind Signale für 143, 144 oder Notfallpsychiatrie.
- Nicht Ihre Rolle: Krisenintervention im Wohnzimmer. In der akuten Krise rufen Sie professionelle Hilfe.
Sie dürfen auch für sich Hilfe holen · Beratung beim eigenen Hausarzt, ein Gespräch bei Pro Mente Sana, eine Stunde bei einer Psychotherapeutin als Standortbestimmung. Das ist Selbstfürsorge.
Was nach dem ersten Termin passiert
Ein einzelner Termin ist eine Standortbestimmung, keine Lösung. In den folgenden zwei bis drei Wochen kommen die Laborergebnisse zurück, parallel können ein Polygraphie-Termin oder eine kardiologische Abklärung stattfinden. Erst dann liegt eine Differenzialdiagnose auf dem Tisch.
Bei Burnout im engeren ICD-11-Sinn ohne begleitende Depression beginnt die Behandlung typischerweise mit drei parallelen Linien: eine zeitlich klar definierte Reduktion der Arbeitsbelastung (oft sechs bis zwölf Wochen, ärztlich attestiert), eine ambulante Psychotherapie für die Stressmuster, und eine hausärztliche Begleitung der somatischen Symptome. Liegt eine Depression vor, kommt eine psychiatrische Mitbeurteilung hinzu. Bei schwerer Ausprägung wird eine psychosomatische Tagesklinik oder stationäre Reha erwogen [SAMW Positionspapier 2019].
Eine häufige Frage Ihres Mannes: "Wenn ich krank schreibe, weiss das mein Arbeitgeber?" In der Schweiz wird die Diagnose nicht kommuniziert. Übermittelt wird die Arbeitsunfähigkeit · der Grund bleibt ärztlich. Diese Information senkt bei vielen Patient:innen die Hürde zum ersten Termin spürbar.
Wann es wirklich eilt
Drei Konstellationen verlangen, dass Sie nicht auf den nächsten Termin warten:
- Suizidgedanken oder konkrete Pläne. Die Frage stellen ist erlaubt. Wenn ja: 143 (Dargebotene Hand, rund um die Uhr) oder 144.
- Akute körperliche Symptome. Brustschmerz, Atemnot, plötzliche Sehstörungen, hypertensive Entgleisung über 180/110 mit Symptomen. Burnout ist hier sekundär · 144.
- Substanzkonsum, der ihn handlungsunfähig macht. Hausarzt-Termin am nächsten Tag oder direkt eine Suchtfachstelle.
Häufig gestellte Fragen
:::faq
Reicht ein Hausarzt-Termin, oder brauchen wir gleich eine Psychiaterin oder einen Psychiater?
In den meisten Fällen ist der Hausarzt die richtige erste Adresse. Er macht die internistische Differenzialdiagnose, führt die Standortbestimmung durch und überweist gezielt weiter. Der direkte Weg zur Psychiatrie ist sinnvoll, wenn Suizidgedanken bestehen, eine Vorgeschichte einer schweren Depression vorliegt oder eine bereits laufende psychiatrische Behandlung reaktiviert werden soll. Die Reihenfolge "Hausarzt zuerst" ist auch versicherungstechnisch klüger, weil sie die Grundversicherung optimal nutzt und unnötige Wartezeiten in psychiatrischen Praxen vermeidet.
Kann ich den Termin ohne ihn vereinbaren oder ihn als seine Frau begleiten?
Vereinbaren ja, hingehen für ihn nein. Ein telefonisches Vorgespräch der Partnerin mit der Praxis ist legitim und wird in unserer Sprechstunde regelmässig genutzt. Wir nehmen die Beobachtung entgegen, sodass der erste Termin strukturierter beginnt. Beim Termin selbst ist der Patient anwesend. Die Begleitung durch Sie · im Gespräch oder im Wartezimmer · ist möglich, wenn Sie und er das wollen. Das medizinische Geheimnis bezieht sich immer auf ihn, nicht auf Sie.
Wie lange dauert die Genesung?
Bei früh erkanntem Burnout ohne Depression sind sechs bis zwölf Wochen Arbeitsentlastung mit Psychotherapie realistisch. Bei mittelschwerer Ausprägung oder begleitender Depression sechs bis zwölf Monate, mit gestaffelter Wiedereingliederung. Bei schwerem Verlauf mit stationärer Reha zwölf bis achtzehn Monate inklusive Rückfallprophylaxe. Diese Zeitspannen entsprechen der hausärztlichen und psychosomatischen Praxis und der Spannweite, die in der Schweizer Versorgungslandschaft für arbeitsbezogene Erschöpfungssyndrome attestiert wird [SAMW Positionspapier 2019]. Wer den Prozess ernst nimmt, reduziert das Rückfallrisiko deutlich.
Müssen wir ihm sagen, dass es Burnout ist?
Nein. Sie beobachten, Sie schlagen einen Termin vor. Die Diagnose stellt der Hausarzt. Sie kann am Ende eine andere sein · Schilddrüsenunterfunktion, Schlafapnoe, depressive Episode, Eisenmangel, Kombination. Diese Offenheit ist klinisch wichtig: die Behandlung unterscheidet sich.
Was, wenn er nicht will?
Termine können Sie nicht erzwingen. Bringen Sie das Thema in zehn bis vierzehn Tagen erneut, wenn ein neues Symptom dazu kommt. Schlagen Sie einen niedrigschwelligen Einstieg vor ("einmal hingehen, danach entscheiden wir gemeinsam"). Oder beziehen Sie eine dritte Person ein, der er vertraut. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung gilt eine andere Logik: 143 oder 144.
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Medizinisch geprüft durch: Prof. Dr. med. Steffen Glökler, FESC, MBA, FMH Kardiologie, Co-Praxisleitung. Geprüft am 4. Mai 2026.
Delegationskonzept: Teile der ärztlichen Leistungen können bei Dein Team fürs Leben durch geprüfte Praxisassistent:innen oder Advanced Practice Nurses unter ärztlicher Verantwortung erbracht werden, gemäss Bewilligungspraxis der Gesundheitsdirektion Kanton Zürich.
Quellen
- WHO. Burn-out an occupational phenomenon: ICD-11 (QD85). 2019.
- Maslach C, Schaufeli WB, Leiter MP. Job burnout. Annual Review of Psychology 2001;52:397-422.
- Schaufeli WB, Leiter MP, Maslach C. Burnout: 35 years of research and practice. Career Development International 2009;14(3):204-220.
- Hillert A, Albrecht A, Voderholzer U. The Burnout Phenomenon: A Résumé After More Than 15,000 Scientific Publications. Frontiers in Psychiatry 2020;11:519237.
- SAMW. Nachhaltige Entwicklung des Gesundheitssystems · Positionspapier. Swiss Academies Communications Vol. 14, No 2, 2019.
- Stansfeld S, Candy B. Psychosocial work environment and mental health · meta-analytic review. Scand J Work Environ Health 2006;32(6):443-462.
- Ahola K, Hakanen J, Perhoniemi R, Mutanen P. Relationship between burnout and depressive symptoms · person-centred approach. Burnout Research 2014;1(1):29-37.
- Obsan. Psychische Gesundheit in der Schweiz · Monitoring 2020. Obsan Bericht 15/2020.