Innere Medizin
V.A.C.-Therapie: Wie kontrollierter Unterdruck chronische Wunden zum Heilen bringt
Sie haben eine Wunde, die einfach nicht zugehen will. Vielleicht ist es ein diabetisches Fussulcus, das seit Monaten offen steht. Vielleicht eine postoperative Wunde, die nässt und sich nicht schliesst. Vielleicht ein Druckgeschwür nach langer Bettlägrigkeit. Sie haben Verbände gewechselt, vielleicht zweimal pro Woche, vielleicht täglich. Der Wundgrund bleibt belegt, die Ränder mazerieren, die Heilung kommt nicht voran. Genau für diese Situation wurde in den 1990er-Jahren in den USA ein Verfahren entwickelt, das die Wundbehandlung in den letzten zwei Jahrzehnten neu definiert hat.
:::answer-block{eyebrow="Kurz erklärt"} Die Vakuum-Therapie (Vacuum-Assisted Closure, V.A.C.) ist eine aktive Wundbehandlung mit kontrolliertem Unterdruck. Ein offenporiger Schaumstoffschwamm wird in das Wundbett gelegt, mit einer luftdichten Folie versiegelt und über einen Schlauch an eine kleine Saugpumpe angeschlossen. Der Unterdruck liegt typischerweise bei 75 bis 125 mmHg [Argenta und Morykwas, Ann Plast Surg 1997]. Vier Mechanismen wirken parallel: Wundödem und Bakterienlast werden abgesaugt, die Mikrozirkulation am Wundrand verbessert sich messbar, die Wundränder werden mechanisch kontrahiert, und die zellulären Mikro-Deformationen am Schwamm-Interface stimulieren die Granulation [Morykwas et al., Ann Plast Surg 1997]. Indikationen sind chronische diabetische Ulcera, Dekubitus ab Grad III, infizierte Operationswunden nach chirurgischer Sanierung und akute traumatische Weichteilverletzungen mit grossem Defekt. Verbandswechsel erfolgen in der Regel alle 48 bis 72 Stunden statt täglich, was die Patientenbelastung deutlich reduziert. Bei diabetischer Fussamputation zeigte eine randomisierte Studie eine schnellere und vollständigere Wundheilung als unter Standardversorgung [Armstrong und Lavery, Lancet 2005]. :::
Was die V.A.C.-Therapie ist und woher sie kommt
Die Vakuum-Therapie wurde 1997 von Louis Argenta und Michael Morykwas an der Wake Forest University publiziert. Ihre beiden Arbeiten im Annals of Plastic Surgery, eine klinische Erfahrungsserie und eine Grundlagenstudie, gelten bis heute als das Fundament der modernen Unterdruck-Wundtherapie [Argenta und Morykwas, Ann Plast Surg 1997]. In den über zwei Jahrzehnten seither hat sich das Verfahren von einer Spezialanwendung im Operationssaal zu einer breit eingesetzten Methode entwickelt, die in spezialisierten Wundsprechstunden, in der Klinik und zunehmend auch im häuslichen Umfeld zum Einsatz kommt.
Technisch besteht das System aus drei Komponenten. Ein biokompatibler, offenporiger Schaumstoffschwamm wird passgenau auf das Wundbett zugeschnitten und in die Wunde eingelegt. Eine selbstklebende, transparente Folie versiegelt Schwamm und umgebende Haut luftdicht. Ein dünner Schlauch verbindet den Schwamm mit einer computergesteuerten Saugpumpe, die einen kontinuierlichen oder intermittierenden Unterdruck erzeugt. Aus der offenen Wunde wird ein kontrolliertes, geschlossenes System, in dem die Heilungsbedingungen aktiv gesteuert werden.
Wie kontrollierter Unterdruck heilt
Der therapeutische Effekt beruht auf dem Zusammenspiel mehrerer Wirkungen, die in den Grundlagenarbeiten beschrieben und seither vielfach repliziert wurden [Huang et al., Curr Probl Surg 2014].
Der Unterdruck saugt Wundexsudat kontinuierlich ab. Mit dem Sekret werden auch entzündungsfördernde Mediatoren und Bakterien aus dem Wundbett entfernt. Wundödeme reduzieren sich, die Mazeration der Wundränder durch ständige Feuchtigkeit unterbleibt. Gleichzeitig erzeugt der Sog am Schwamm-Interface mechanische Mikro-Deformationen an der Wundoberfläche. Diese mechanische Reizung stimuliert die Zellteilung und die Bildung von neuem, gut durchblutetem Granulationsgewebe [Morykwas et al., Ann Plast Surg 1997]. Die Wunde füllt sich sichtbar von unten nach oben auf.
Parallel verbessert die Therapie die Mikrozirkulation am Wundrand. Mehr Sauerstoff und mehr Nährstoffe erreichen das regenerierende Gewebe. Das ist eine Grundvoraussetzung jeder Heilung. Der Unterdruck zieht die Wundränder zudem sanft zueinander und verkleinert den Defekt mechanisch, was den späteren definitiven Wundverschluss vorbereitet. Die luftdichte Folie schützt die Wunde vor Keimen aus der Umgebung und senkt das Risiko einer sekundären Infektion [Apelqvist et al., J Wound Care 2017].
Wann wir die V.A.C.-Therapie einsetzen
Die Vakuum-Therapie ist kein Erstlinienverfahren für jede Wunde. Sie wird gezielt dort eingesetzt, wo eine schnelle und stabile Wundbettvorbereitung den Unterschied macht. Die typischen Indikationen sind in den europäischen EWMA-Empfehlungen klar umrissen [Apelqvist et al., J Wound Care 2017].
- Tiefe diabetische Fussulcera: Vor allem nach Debridement oder partieller Amputation, wenn das Wundbett für eine Sekundärheilung oder eine spätere Deckung vorbereitet werden muss.
- Dekubitus Grad III und IV: Bei tiefen, unterminierten Druckgeschwüren mit Exsudation und gestörter Heilung.
- Postoperative Wundheilungsstörungen: Nach abdominellen, orthopädischen oder gefässchirurgischen Eingriffen mit Wunddehiszenz oder Infektion.
- Infizierte Wunden nach chirurgischer Sanierung: Als Brücke zwischen Debridement und definitivem Wundverschluss.
- Akute traumatische Weichteildefekte: Bei grossflächigen Verletzungen mit Substanzverlust.
- Spalthaut-Transplantate: Zur sicheren Fixation und besseren Einheilung des Transplantats auf dem Empfängerbett. :::
Es gibt klare Kontraindikationen, die in der Sprechstunde geprüft werden: aktive Tumorinfiltration im Wundgebiet, nicht behandelte Osteomyelitis, freiliegende Blutgefässe ohne Schutz, nekrotisches Gewebe ohne vorheriges Debridement. Bei korrekt gestellter Indikation ist die Therapie für Patientinnen und Patienten in der Regel gut verträglich.
Wundtherapie bei Dein Team fürs Leben
Spezialisierte Versorgung chronischer Wunden, diabetischer Fussulcera und postoperativer Heilungsstörungen. V.A.C.-Therapie, biologische Wundauflagen und Debridement unter einem Dach.
Mehr zur WundtherapieWie der Ablauf bei Dein Team fürs Leben aussieht
In unserer Wundsprechstunde beginnt jede V.A.C.-Behandlung mit einer strukturierten Standortbestimmung. Wir klassifizieren die Wunde (Tiefe, Exsudation, Infektionszeichen, Durchblutungssituation), wir entscheiden über die Notwendigkeit eines vorbereitenden Debridements, und wir prüfen die Eignung für die Vakuum-Therapie. Bei Verdacht auf eine periphere arterielle Verschlusskrankheit erfolgt vorab eine Gefässabklärung, denn ohne ausreichende Durchblutung heilt auch das beste Wundbett nicht. Eine Übersicht zur pAVK finden Sie im Artikel Schaufensterkrankheit beim Hausarzt.
Das initiale Anlegen des V.A.C.-Systems erfolgt unter sterilen Bedingungen in der Praxis. Der Schaumstoff wird passgenau zugeschnitten, die Folie versiegelt, der Sog kalibriert. Der Unterdruck liegt in den meisten Fällen bei 125 mmHg im kontinuierlichen Modus, bei empfindlichen Wundsituationen auch niedriger oder im intermittierenden Modus.
Die Verbandswechsel erfolgen typischerweise alle 48 bis 72 Stunden, je nach Keimbesiedlung. Das ist seltener als bei klassischen feuchten Wundauflagen, was die Wundruhe verbessert und die Anzahl schmerzhafter Wechsel deutlich reduziert. Bei sehr stark sezernierenden Wunden kann zu Beginn ein engerer Wechselrhythmus nötig sein. Moderne, tragbare Therapieeinheiten ermöglichen die Fortführung der Behandlung im häuslichen Umfeld, was die Mobilität und Lebensqualität der Patientinnen und Patienten erhalten hilft.
Die Therapiedauer richtet sich nach Wundart und Ausgangsbefund. Bei diabetischen Fussulcera zeigte die multizentrische randomisierte Studie von Armstrong und Lavery 2005, dass unter V.A.C.-Therapie nach partieller Fussamputation 56 Prozent der Wunden vollständig heilten, gegenüber 39 Prozent unter Standardversorgung, und die Heilung schneller verlief [Armstrong und Lavery, Lancet 2005]. Die Therapie ist damit eine entscheidende Komponente der strukturierten Wundversorgung, kein Ersatz dafür. Bei diabetischen Wunden gehört sie eingebettet in die Versorgungslogik des diabetischen Fusssyndroms.
:::faqKomplexe Wunde, die nicht heilt?
In unserer Wundsprechstunde klären wir die Ursache, prüfen die Indikation für eine V.A.C.-Therapie und koordinieren bei Bedarf Gefässmedizin und Diabetologie. Erstkontakt ohne Überweisung.
Termin in der SprechstundeWie schmerzhaft ist die V.A.C.-Therapie?
Der Sog selbst wird von den meisten Patientinnen und Patienten nach einer kurzen Anpassungsphase nicht als schmerzhaft empfunden. Empfindlicher sind die Verbandswechsel, vor allem wenn der Schaumstoff in das Granulationsgewebe einwächst. Wir reduzieren diesen Reiz mit einer Zwischenlage, individueller Anpassung des Wechselintervalls und bei Bedarf Analgesie vor dem Wechsel.
Wie lange dauert eine V.A.C.-Behandlung typischerweise?
Das hängt stark von Wundart, Wundgrösse und Ausgangssituation ab. Viele Wunden benötigen zwei bis sechs Wochen Vakuum-Therapie, um ein gut granulierendes Wundbett zu erreichen. Anschliessend geht es meist in eine Phase der Konditionierung oder in einen definitiven Wundverschluss durch Sekundärheilung, Naht oder Spalthaut-Transplantation.
Kann ich die Therapie zu Hause weiterführen?
In den meisten Fällen ja. Moderne Geräte sind tragbar, akkubetrieben und für den ambulanten Einsatz konstruiert. Wir instruieren Sie und gegebenenfalls Ihre Angehörigen ausführlich und koordinieren regelmässige Kontrollen in der Praxis.
Übernimmt die Krankenkasse die V.A.C.-Therapie?
Bei medizinisch indizierter Anwendung wird die Vakuum-Therapie in der Schweiz in der Regel von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung getragen. Verrechnet wird über TARDOC. Die Indikationsstellung und Dokumentation läuft über die Praxis.
Was unterscheidet die V.A.C.-Therapie von einer biologischen Wundauflage wie Kerecis?
Die Verfahren adressieren unterschiedliche Phasen und Probleme. Die Vakuum-Therapie bereitet das Wundbett aktiv vor, saugt Sekret ab und stimuliert Granulation. Biologische Auflagen wie Kerecis Fischhaut-Matrices liefern eine Gewebematrix, in die körpereigene Zellen einwachsen können. Beide Verfahren können hintereinander eingesetzt werden: erst V.A.C., dann biologische Deckung auf einem gut konditionierten Wundbett.
Autor: Prof. Dr. C. K. Fritz M.Sc., Physician Associate, Schmerzmedizin, Wundtherapie, Praxisleitung Dein Team fürs Leben.