Innere Medizin

Vitamin B12 und Folsäure. Warum ein Mangel oft übersehen wird und wie er sich präzise abklären lässt.

Sie fühlen sich seit Monaten erschöpft, obwohl Sie genug schlafen. Die Konzentration im Job lässt nach, einfache Aufgaben kosten mehr Energie als früher. Vielleicht spüren Sie ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen oder den Zehen, manchmal ein Taubheitsgefühl. Das Blutbild beim Hausarzt war "unauffällig", und trotzdem ist da diese diffuse Müdigkeit, die Sie nicht einordnen können. Ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure ist eine häufige, gut behandelbare Ursache dieser Beschwerden. Übersehen wird er, weil die klassischen Routine-Werte ihn erst spät anzeigen.

Claudia sitzt früh am Morgen aufrecht im Bett, das Handy in der Hand, die freie Hand am Halsansatz, erschöpft und müde.

Was Vitamin B12 und Folsäure tatsächlich tun

Kurz erklärt
Vitamin B12 (Cobalamin) und Folsäure (Vitamin B9) sind zwei wasserlösliche Vitamine, die für die Bildung roter Blutkörperchen, die DNA-Synthese und die Funktion des Nervensystems unverzichtbar sind. Ein Mangel kann sich neurologisch (Kribbeln, Taubheitsgefühle, Gangunsicherheit, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung) und hämatologisch (makrozytäre Anämie mit Müdigkeit und Belastungsdyspnoe) zeigen [Stabler SP, NEJM 2013; Green R et al., Nat Rev Dis Primers 2017]. In den westlichen Industrieländern sind rund 6 Prozent der Personen ab 60 Jahren manifest B12-defizient, und weitere rund 20 Prozent haben einen grenzwertig niedrigen Status, der mit dem Alter häufiger wird [Allen LH, Am J Clin Nutr 2009]. Risikogruppen sind Veganer, ältere Menschen, Patientinnen und Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen sowie alle, die langfristig Säureblocker (PPI) oder Metformin einnehmen [de Jager J et al., BMJ 2010; Lam JR et al., JAMA 2013]. Bei begründetem klinischen Verdacht reichen die direkten Vitamin-Spiegel allein nicht aus; aussagekräftiger sind Holo-Transcobalamin und Methylmalonsäure.

Symptome, die Sie ernst nehmen dürfen

Ein B12- oder Folsäuremangel entwickelt sich schleichend. Die Speicher reichen bei B12 typischerweise mehrere Jahre, bei Folsäure einige Monate. Beschwerden treten oft erst auf, wenn die Speicher weitgehend leer sind, und sie werden leicht als Stress, Schlafmangel oder normales Älterwerden abgetan.

Hämatologische Zeichen sind Müdigkeit, Belastungsdyspnoe, Blässe, Herzklopfen und reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit. Im Labor findet sich klassisch eine makrozytäre Anämie mit erhöhtem MCV. Wichtig ist jedoch: bei rund einem Viertel der Patientinnen und Patienten mit nachgewiesenem B12-Mangel ist das MCV initial normal, und die klassische Anämie kann fehlen [Stabler SP, NEJM 2013]. Ein unauffälliges grosses Blutbild schliesst einen Mangel daher nicht aus.

Neurologische Zeichen sind besonders bei B12-Mangel relevant. Sie reichen von symmetrischem Kribbeln und Taubheitsgefühl an Händen und Füssen (Polyneuropathie) über Gangunsicherheit und Lageempfinden-Störungen bis zu Konzentrationsproblemen, Vergesslichkeit und depressiven Verstimmungen. In fortgeschrittenen Fällen kann eine funikuläre Myelose entstehen, eine Schädigung der Hinterstränge des Rückenmarks. Wird diese nicht rechtzeitig behandelt, bleiben neurologische Defizite häufig dauerhaft bestehen [Green R et al., Nat Rev Dis Primers 2017]. Genau deshalb gilt: neurologische Symptome sind ein Grund zur zügigen Abklärung, nicht zum Abwarten.

Körperliche Hinweise wie eine glatte, rote und brennende Zunge (Hunter-Glossitis), eingerissene Mundwinkel oder Appetitlosigkeit sind seltener, aber spezifisch genug, um an einen Mangel zu denken.

  • Anhaltende Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, die sich durch Schlaf nicht bessern.
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Händen oder Füssen, symmetrisch beidseits.
  • Gangunsicherheit oder das Gefühl, im Dunkeln nicht mehr sicher zu stehen.
  • Vegane oder strenge vegetarische Ernährung ohne supplementiertes B12.
  • Alter über 60 Jahre, insbesondere mit reduziertem Appetit oder bekannter Gastritis.
  • Langfristige Einnahme von Metformin oder Säureblockern (Omeprazol, Pantoprazol und andere PPI).

Warum die Routine-Werte nicht reichen. Holo-Transcobalamin, MMA und Homocystein

Der klassische Serum-B12-Wert (Cobalamin gesamt) misst die im Blut zirkulierende Gesamtmenge. Das Problem: nur etwa 20 Prozent des B12 im Blut sind biologisch aktiv und für die Zellen verfügbar, gebunden an das Transportprotein Transcobalamin (Holo-Transcobalamin, kurz Holo-TC). Der Rest ist an Haptocorrin gebunden und wird kaum verwertet. Ein Serum-B12-Wert im "unteren Normbereich" kann daher einen funktionellen Mangel maskieren [Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Die moderne Stufendiagnostik nutzt deshalb drei Marker in Kombination.

Erstens Holo-Transcobalamin. Dieser Wert spiegelt das aktive, zellverfügbare B12. Er fällt früher ab als das Gesamt-B12 und ist der sensitivste Erstmarker für einen frühen Mangel [Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Zweitens Methylmalonsäure (MMA). MMA ist ein Stoffwechselprodukt, das sich anreichert, wenn B12 in der Zelle fehlt. MMA steigt bei einem funktionellen B12-Mangel auch dann, wenn das Serum-B12 noch im Normbereich ist. MMA ist daher ein bestätigender Funktionsmarker und besonders bei grenzwertigen Befunden hilfreich [Stabler SP, NEJM 2013; Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Drittens Homocystein. Homocystein steigt bei einem Mangel an B12 oder Folsäure (und auch bei B6-Mangel oder Niereninsuffizienz). Es ist weniger spezifisch als MMA, hilft aber, beide Vitamine gemeinsam zu beurteilen, und hat eine eigenständige kardiovaskuläre Bedeutung als Risikomarker [Green R et al., Nat Rev Dis Primers 2017].

Für die Folsäure ist der Folat-Erythrozyten-Wert (Erythrozyten-Folat, "RBC folate") aussagekräftiger als das Serum-Folat allein. Er bildet die Speicherreserve der letzten Wochen ab, während das Serum-Folat tagesschwankend ist und kurz nach einer folatreichen Mahlzeit irreführend hoch erscheinen kann [Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Infusionstherapie. Wenn die Speicher schnell und sicher gefüllt werden müssen

Bei nachgewiesenem schwerem Mangel, bei neurologischen Symptomen oder bei gesicherter Resorptionsstörung ist eine parenterale Therapie (intramuskulär oder als Infusion) der schnellste und zuverlässigste Weg, die Speicher aufzufüllen. Bei Dein Team fürs Leben erfolgt die Indikationsstellung nach gezielter Diagnostik, nicht auf Verdacht.

Leistung. Infusionstherapien
## Diagnostik in der Praxis. Anamnese vor Labor

Die Indikation für eine erweiterte B12-Diagnostik stützt sich auf vier Säulen: Beschwerdebild, Ernährungsanamnese, Medikamentenanamnese und Vorerkrankungen.

Ernährungsanamnese. Veganer und strenge Vegetarier sind besonders betroffen, weil B12 fast ausschliesslich in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) weist ausdrücklich darauf hin, dass eine vegane Ernährung ohne B12-Supplementation langfristig zu einem Mangel führt, und empfiehlt eine regelmässige Supplementation sowie eine periodische Spiegelkontrolle [BLV, Bund].

Medikamentenanamnese. Langfristige Einnahme von Metformin senkt die intestinale B12-Resorption messbar und führt nach mehreren Jahren bei einem relevanten Anteil der Patientinnen und Patienten zu einem Mangel. In der placebo-kontrollierten HOME-Studie war Metformin nach 4,3 Jahren mit einem absoluten Anstieg der B12-Mangel-Häufigkeit um rund 7 Prozentpunkte assoziiert [de Jager J et al., BMJ 2010]. Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI, zum Beispiel Omeprazol, Pantoprazol, Esomeprazol) senken die Magensäure und damit die Freisetzung von B12 aus der Nahrung; eine Einnahmedauer über zwei Jahre erhöht das Mangel-Risiko statistisch signifikant [Lam JR et al., JAMA 2013].

Vorerkrankungen. Atrophe Gastritis, perniziöse Anämie (Autoimmun-Gastritis mit Intrinsic-Factor-Mangel), Morbus Crohn mit Ileum-Beteiligung, Zöliakie, Z. n. Magen- oder Ileumresektion und chronische Pankreatitis sind klassische Resorptionsstörungen. Bei Verdacht auf perniziöse Anämie ergänzen wir die Bestimmung von Anti-Intrinsic-Factor-Antikörpern und gegebenenfalls Anti-Parietalzell-Antikörpern [Stabler SP, NEJM 2013; Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Bei Schwangeren und Stillenden ist der Folsäure-Bedarf erhöht. Die Periconceptionelle Folsäure-Supplementation (typischerweise 400 µg pro Tag, beginnend vier Wochen vor Konzeption) ist eine etablierte Empfehlung zur Prävention von Neuralrohrdefekten und wird in der hausärztlichen oder gynäkologischen Betreuung initiiert.

Therapie. Oral oder intramuskulär. Wann was sinnvoll ist

Die Therapie eines B12-Mangels ist wirksam und in der Regel gut verträglich. Die offene Frage betrifft die Form der Substitution und die Therapiedauer.

Orale Therapie. Cyanocobalamin oder Methylcobalamin in hoher Dosis (typischerweise 1000 bis 2000 µg pro Tag) füllen die Speicher bei den meisten Patientinnen und Patienten zuverlässig auf, auch bei intrinsic-factor-vermittelten Resorptionsstörungen. Etwa 1 bis 2 Prozent einer oralen Hochdosis werden über einen passiven, vom Intrinsic Factor unabhängigen Mechanismus resorbiert. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit findet keinen relevanten Wirksamkeitsunterschied zwischen oraler Hochdosis-Therapie und intramuskulärer Gabe bezüglich der Normalisierung der Laborwerte und der klinischen Symptome [Wang H et al., Cochrane 2018].

Intramuskuläre Therapie. Sie bleibt die bevorzugte Initialtherapie bei (1) neurologischen Symptomen, weil hier eine schnelle und sichere Spiegelnormalisierung medizinisch geboten ist, (2) schwerer Anämie, (3) gesicherter perniziöser Anämie mit Intrinsic-Factor-Antikörpern, (4) ausgeprägter Malabsorption (zum Beispiel nach Magen- oder Ileumresektion) und (5) bei Patientinnen und Patienten, bei denen die Adhärenz zur täglichen oralen Therapie unsicher ist [Devalia V et al., Br J Haematol 2014]. Das übliche Schema ist Hydroxocobalamin oder Cyanocobalamin 1000 µg intramuskulär: in den ersten ein bis zwei Wochen mehrfach (oft jeden zweiten Tag), anschliessend wöchentlich, dann alle ein bis drei Monate als Erhaltung.

Folsäure-Therapie. Bei nachgewiesenem Folsäure-Mangel ist 5 mg Folsäure oral täglich über ein bis vier Monate Standard. Wichtig: vor Folsäure-Gabe muss ein B12-Mangel ausgeschlossen oder mitbehandelt werden, weil eine isolierte Folsäure-Substitution bei gleichzeitig bestehendem B12-Mangel die hämatologischen Zeichen maskiert, die neurologische Schädigung jedoch ungebremst weiterläuft [Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Verlaufskontrolle. Eine Re-Evaluation der Laborwerte und der klinischen Symptome ist nach acht bis zwölf Wochen sinnvoll. Hämatologische Werte normalisieren sich typischerweise innerhalb dieses Zeitfensters. Neurologische Symptome bessern sich oft langsamer und nicht in allen Fällen vollständig.

Häufige Fragen

Reicht ein normaler B12-Wert im Blutbild, um einen Mangel auszuschliessen?
Nein. Das klassische Serum-B12 (Cobalamin gesamt) misst auch inaktives B12 und kann einen funktionellen Mangel maskieren. Bei begründetem klinischen Verdacht sind Holo-Transcobalamin und Methylmalonsäure die aussagekräftigeren Marker \[Devalia V et al., Br J Haematol 2014\]. Auch ein unauffälliges grosses Blutbild schliesst einen B12-Mangel nicht aus, weil die klassische makrozytäre Anämie bei einem relevanten Anteil der Patientinnen und Patienten initial fehlt \[Stabler SP, NEJM 2013\].

Sollte ich vorsorglich B12 einnehmen, wenn ich Metformin nehme?

Eine routinemässige Supplementation ist nicht für alle Metformin-Anwender automatisch indiziert. Sinnvoll ist eine periodische Bestimmung von Holo-TC (oder MMA) etwa alle ein bis zwei Jahre und bei neuen neurologischen oder Müdigkeitsbeschwerden. Bei nachgewiesenem Mangel ist die orale Substitution Standard. In der HOME-Studie war die Mangel-Häufigkeit unter Metformin nach mehreren Jahren signifikant erhöht [de Jager J et al., BMJ 2010].

Brauche ich Spritzen, oder reichen Tabletten?

In den meisten Fällen reichen hochdosierte Tabletten. Die Cochrane-Übersichtsarbeit zeigt eine vergleichbare Wirksamkeit von oraler Hochdosis-Therapie und intramuskulärer Gabe für die Spiegelnormalisierung und die hämatologische Besserung [Wang H et al., Cochrane 2018]. Bei neurologischen Symptomen, schwerer Anämie, gesicherter perniziöser Anämie oder ausgeprägter Malabsorption ist die intramuskuläre Initialtherapie weiterhin die bevorzugte Wahl [Devalia V et al., Br J Haematol 2014].

Wie lange dauert es, bis ich mich besser fühle?

Hämatologische Zeichen (Müdigkeit, Belastungsdyspnoe) bessern sich typischerweise innerhalb von vier bis acht Wochen. Neurologische Symptome benötigen länger, oft mehrere Monate, und bei verzögertem Therapiebeginn bleiben Restsymptome möglich [Green R et al., Nat Rev Dis Primers 2017]. Genau das ist der Grund, neurologische Beschwerden zügig abzuklären.

Was kostet die Abklärung in der Schweiz?

Bei medizinischer Indikation (Beschwerden, Risikokonstellation) rechnet die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) über TARDOC ab. Sie tragen Franchise und Selbstbehalt. Eine Bestimmung ohne medizinische Indikation (reine Vorsorgeuntersuchung ohne Beschwerden und ohne Risikofaktor) ist eine Selbstzahler-Leistung; die genaue Höhe besprechen wir vorab.

Brauche ich eine Überweisung?

Nein. Bei Dein Team fürs Leben buchen Sie direkt. Eine Überweisung Ihrer hausärztlichen Praxis erleichtert den Informationsaustausch und die Indikationsklärung gegenüber der Krankenkasse, ist aber keine Voraussetzung für einen Termin.

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*Autor: Prof. Dr. Craig K. Fritz M.Sc., Physician Associate für Allgemeine Innere Medizin, Schmerzmedizin, Praxisleitung Dein Team fürs Leben.*